Versucht man über eine gängige Internetsuchmaschine Informationen zu erhalten, besonders Produktempfehlungen betreffend, findet sich hauptsächlich Slop. KI-generierte Listicles mit viel zu viel unübersichtlichen und irrelevanten Füllabsätzen, die nur dafür sorgen sollen unschuldige Nutzer so lang wie möglich auf Seiten mit einschlägigen Namen für AdSense Einkünfte verharren zu lassen und Affiliate-Links oder das eigene Produkt zu bewerben.

Durch gute SEO schaffen es diese Seiten die höchsten Suchergebnisse zu belegen. Google und Konsorten nehmen diese Vermüllung gerne an, um ihre eigenen KI-Dienste zu stärken.

Listicles, SEO-Spam und sonstiger Slop sind aber kein neues Phänomen. Auch deutsche Medienhäuser erkannten ihr Potenzial schon früh und bereicherten ihre wichtigen aber oft wenig profitablen Internetauftritt mit allerlei Unsinn.

Heute wollte ich bloß herausfinden, ob das VPN Netzwerk meiner Uni die große Chinesische Firewall umgehen könnte. Dabei stieß ich auf ein Suchergebnis, das mich auf die Website einer großen deutschen Tageszeitung führte, deren Onlineangebot ich immer als recht ansprechend empfand.

Zwar habe ich viele inhaltliche und stilististische Missstimmigkeiten mit der Süddeutschen Zeitung, aber ihre Entscheidung statt auf Clickbait und gigantische Werbeeinbindungen, früh auf eine unkomplizierte Paywall zu setzen, machte sueddeutsche.de für mich immer zu einer angenehmen Adresse für Nachrichten und Recherche.

Entsprechend groß war meine Verblüffung als mich statt einem interessanten Ratgeber für süddeutsche Chinareisende, ein uninspirierter Listicle samt NordVPN PopUp-Werbung erwartete.

VPNs die in China funktionieren?

Als “Testsieger” kürt die Liste ausgerechnet NordVPN. Als ich vor zwei Jahren China bereiste, konnte ich sogar persönlich testen, ob dieser Dienst “einen sicheren Zugang zu gesperrten Inhalten in China bieten” kann. Die Antwort lautete: Nein. Ob sich daran in den vergangen zwei Jahren etwas geändert hat, lässt sich angesichts aktueller, negativer Erfahrungsberichte bezweifeln. VPNs, die in China tatsächlich zuverlässig funktionieren sucht man auf der Liste vergeblich.

Allerhand Unsinn liest man in der Süddeutschen gerne. Aber, dass ein so simpler Beitrag derart offene Fehlinformationen oder mindestens Irreführungen enthält, wundert doch.

Auf dem ersten Blick ist nicht ersichtlich, dass die Liste nicht regulärer, redaktioneller Inhalt, sondern eine Anzeige ist (auf Abb.: links oben). Selbiges gilt für den gesamten Inhalt der Subdomain sueddeutsche.de/erfahrungen. Das Copyright gibt eine Zusammenarbeit mit EchteErfahrungen UG an. Eine 2024 eingetragene Firma aus Ueckermünde am schönen Stettiner Haff. Weniger schön ist ihre Website, (KI-) SEO-Slop vom Feinsten.

Sueddeutsche.de/erfahrungen bezeichnet sich als “ein führendes Online-Vergleichsportal”, welches “keinem Softwareanbieter verpflichtet” sei und “objektive Vergleiche und Testberichte” biete. Außerdem heißt es: “Die Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung garantiert Ihnen höchste Qualitätsstandards und redaktionelle Prüfung der Artikel”. Eine ganze Seite wird zudem der “Testmethodik” gewidmet. Für den Inhalt verantwortlich sind zwei Redakteure, deren Email-Adressen auf eine Verbindung zur Hamburger Agentur yapDesign schließen lassen. Diese bewirbt auf Ihrer Webseite “Professionelle Suchmaschinenoptimierung”.

Affiliate-Link NordVPN/SZ

Betrachtet man die URL, auf die man gelangt, wenn man der Empfehlung folgt und sich für NordVPN entscheidet, sieht man, dass es sich um einen Affiliate-Link handelt. Den Disclaimer hierzu fand ich eher zufällig unter Vorschlägen nach einem anderen “Artikel”.

Ratgeber, Testberichte und Haftungsausschlüsse

Im Disclaimer wird immer wieder betont, dass geschaltete Werbung und Affiliate-Links keinen Einfluss auf die “Bewertungen” hätten. Bezahlte Werbung sei “deutlich als solche gekennzeichnet”.

Handelt es sich hier um deutlich gekennzeichnete Werbung oder einen objektiven Testbericht?

Dass irgendwelche zwielichtigen Agenturen, unternehmungslustige Einzelpersonen oder Hustler aus dem globalen Süden das Internet für das schnelle Geld zumüllen, sei dahingestellt. Warum aber verwässert die Süddeutsche ihr gutes Image und beteiligt sich an der Slopification unserer Suchergebnisse?

Wie schlecht muss es um deutsche Qualitätsmedien stehen, wenn sie es nötig haben sich, wie ein dahergelaufener YouTuber Affilate-Links, NordVPN und Browserspiele zu bewerben?

Interessanterweise werden, im Gegensatz zu süddeutsche.de auf sueddeutsche.de/erfahrungen Viewcounts der “Artikel” angezeigt. Vertraut man diesen, hält sich der Erfolg eines der “führenden Online-Vergleichsportale” in Grenzen.

Die Marke schwächen für 500 Views?    

Was bedeutet das für den China Aufenthalt? Auf das westliche Internet wird ein Süddeutsche-Leser wahrscheinlich nicht zugreifen können. Vielleicht tut ein bisschen Slop-Detox aber auch ganz gut.